Chattoir Editorials

Chattoir Interview with Friedgard Thoma (in German)

by Chattoir Admin at 24 July 2017
Chattoir Interview with Cioran's last love. In 1982, Friedgard Thoma, a teacher of philosophy from Cologne wrote a letter of admiration to Emil Cioran. He responded and invited her to Paris where they met in person. Later, she put the whole story into a book. In 2010 Friedgard sent me her book to Montreal. I sent her a list of questions. I inserted here my questions and her answers the way I received them from her. I did not make any corrections.

Within your book, you said that you found out of Cioran's works in 1979.
In what circumstances? Have his writings been recommended to you by someone?
 
Ja, mein Ex- Mann Günter hat mich auf Cioran aufmerksam gemacht. Er hatte im TV einen Bericht oder ein Interview mit ihm gesehen und eine bewundernde Bemerkung gemacht über die totale und zynische  Welt-Verweigerung (Abweisung aller Werte des gesellschaftlichen Lebens) dieses Mannes. Als Günter Schulte später Cioran kennenlernte, war er, genau wie ich, überrascht und enttäuscht, wie „harmlos“ und konventionell Cioran im täglichen Umgang war.
 
You wrote to Cioran in winter of 1981. Why did you let 2 years pass from the contact with his writings until you tried direct contact with him? Why didn't you do it earlier?
 
Vielleicht war es nur ein Jahr vorher, ich weißes nicht mehr. Jedenfalls las ich, kurz bevor ich ihm schrieb, jenen Aphorismus über die zerplatzende Kastanie (S.14 rumänische Ausgabe) – und das gab den Ausschlag, das war der Impetus, ihm zu schreiben, wie ich es auch in meinem Buch gleich zu Anfang erwähne.
Darüber hinaus braucht man aber vermutlich immer eine besondere existentielle Situation, um einem fremden Autor zu schreiben. Bei mir war es das Gefühl, einen Seelenverwandten,  einen besonderen Menschen finden zu müssen.
 
He answered you soon (16 February 1981). You said that you were surprised. Why? Surprised by the promptitude of his answer or by the answer itself?

By the promptitude and also, that he answered!
 
Was Cioran the first writer to whom you wrote or did you write to other writers before as well?
 
Ich schrieb vorher zwei Schriftstellern:
Ingomar von Kieseritzky, ich dessen Roman “Trägheit oder Szenen aus der vita activa ” ich gelesen hatte – und ich bin mit ihm und vor allem mit seiner damaligen Frau bis heute befreundet.
 
Außerdem schrieb ich auf Bitten meines Freundes Walter auch an den Schweizer Schriftsteller und Privatdozenten an der ETH Zürich, Hermann Burger, dessen phänomenale Erzählkunst in dem Roman „Schilten“  sowie in den Kurzgeschichten „Diabelli“ und „Das Erdbeben in Soglio“ ich von eben jenem Freund Walter geschenkt bekommen hatte. Auch mit Hermann Burger war ich bis zu seinem Tod befreundet. Er besuchte uns in Soglio, als wir mit Cioran dort zusammen waren, was ich in meinem Buch ja ausführlich schildere.
 
April 14, 1981 (2 months after you started correspondence with him), you went to Paris in order to meet him.
How did you expect he would be like and what did you expect (hope or wish) from meeting him?
 
Das habe ich in meinem Buch beschrieben: Ich erwartete einen wilden und einsamen Zyniker, der extrem formulierte und  allein lebte; aber ich war ja schon „gewarnt“ durch seine vorsorgliche briefliche Ankündigung, daß er eine Lebensgefährtin habe. Insofern war ich schon ein bisschen darauf vorbereitet, daß er anders war als er es durch seine atemberaubenden Aphorismen vermuten ließ.
 
April 19, 1981, he wrote his first love letter to you.  He is very precise:" I realized my sensual addiction with you...You got kind of scared when i talked to you of some "pervert" inclination that your body inspired me. In general, i do not have sensual attraction to women with whom i shared much spiritually. "
What do you think it was the main reason he was attracted to you for?

 
Man kann aus seinem Brief entnehmen, worauf er hinauswollte: Auf das, was alle Männer von attraktiven  wollen.*) Aber er riskierte er durch den Brief recht viel, indem er so deutlich schrieb,was er wollte - und  war dann doch  feige genug, am Schluß einen Rückzieher zu machen: Er bittet ja, den Brief zu verbrennen. Das nenne ich feige – nicht würdig für einen Mann wie Cioran! Entweder er schreibt den Brief nicht,  oder er steht dazu!
 
Und natürlich konnte er annehmen, daß ich den Brief nicht verbrenne, natürlich nicht! Das wäre ja lächerlich!
 
By publishing this book, you showed the human side of Cioran, his sexual attraction to the beautiful woman and appreciation for her intelligence which does not make him very different from other men.

– *) That is what I said!

You said you were aware that you were living a historical moment as you entered his apartment.

– I meant it of course also in an ironical way...

If you met him accidentally without having read any of his writings, would you have been as captivated?
 
Nein, überhaupt nicht!
 
How do you explain his jealousy, his "Balcanic vampirism" (as himself put it)?
 
How can one explain jealousy?
Eifersucht  ist eine völlig “normale” Reaktion, erst recht, wenn man siebzig Jahre alt ist und fühlt, daß man kaum mehr eine Chance als Mann  hat.
Es ist übrigens interessant – und es fällt mir erst heute auf, wo ich selber mit Alter konfrontiert werde, daß er NIE vom Alter und Altwerden sprach, wirklich niemals! Das hat er total verdrängt, ebenso den Altersunterschied. Vielleicht ist das “balkanesisch”, nämlich orientalisch – er war eben doch ein Macho!
 
When did Cioran talk to you about Simone Boué? In which circumstance and how did he describe her and the relationship between the two of them?
 
In meinem Buch im Brief vom 6.April 1981.
Er sprach immer gut von Simone, aber auch: uninteressiert…Und bei Simone war es genauso – sie waren eben ein Paar wie viele andere, die seit  vielen Jahren zusammen sind, mit all ihren Gewohnheiten und Abhängigkeiten. Allerdings begleitete sie ihn fast nie auf offizielle Empfänge und wollte es angeblich auch nicht. Wenn ich zu Besuch kam, war sie fast  immer dabei, was mir auch  sehr lieb war.
 
Has Cioran ever told you when and how did he meet Simone?
Has Simone ever told you how and when she met Cioran?
 
Ja, das hat sie selbst in einem sehr langen Interview geschildert: Während des Krieges, 1942, in einer Art Studentenküche ( Mensa) in Paris.
Hier ein Auszug aus dem Interview von Norbert Dodille mit  Simone:C’est comme cela que j’ai fait la connaissance de Cioran, non pas au cours d’agrégation, mais parce que j’étais descendue au Foyer International, une maison d’étudiantes, Boulevard Saint Michel. La directrice était américaine, Miss Watson. Quand j’ai débarqué à Paris, je n’avais pas trop envie d’aller dans une maison d’étudiantes. J’étais entrée là, pour m’informer, et j’ai entendu une voix qui hélait la femme de ménage, avec un accent américain : “Adeyèle !” (elle s’appelait Adèle, cette femme de ménage). Alors cela m’a fait un tel effet, d’entendre cet accent américain en pleine Occupation que j’ai décidé tout de suite de m’installer là.
 
II y avait un foyer où l’on pouvait manger, et qui était ouvert à tous les étudiants. C’est là que j’ai rencontré Cioran. Je me souviens très très bien, c’était le 18 novembre 1942. Je l’avais remarqué auparavant, car il était très différent des autres, et puis, il était plus âgé que la moyenne des étudiants, il avait 31 ans. Je faisais la queue pour aller déjeuner. Il fallait remplir un coupon, on devait y noter la date, et son nom, et quand on passait à la caisse, il fallait présenter ce coupon. Lui, au lieu d’attendre, est venu à côté de moi, et il m’a demandé quelle était la date. C’est pour ça que je me souviens : c’était le jour de mon anniversaire. Ma mère avait dû m’envoyer un gâteau. Je lui ai dit quel jour nous étions, et puis après, …
 
Page 93 (the Romanian version) - non-dated letter - Cioran wrote to you:"...maybe you could forgive me that impossible-to-forget night"
What did he mean? What was he referring to?
 
Das mußt Du aus dem Text des Briefes selbst (er ist im Faksimile abgebildet auf deutsch S.92) entnehmen: Er hatte doch einen Traum ( in der Nacht), in der er die spöttische Erscheinung mit den hexenhaften Augen sah (also meint er mich) – und nun hofft er, daß ich ihm verzeihe, daß er mich so hexenhaft im Traum gesehen hat. –Warum hexenhaft: weil ich ihn jetzt abweise(nicht nur im Traum)!
 
In the letter from 23 May 1981, Cioran said that he should have met you 20 years earlier. Your answer was: "Auf jeden Fall, you would have made me a son, in spite of your pride in having not committed the crime of placing a child in the world"
Do you really believe that Cioran would have finally "committed that crime" and would have made you a child? Why did you wish one?
 
Simone hatte vor langer Zeit einmal ein Kind von ihm erwartet und musste oder wollte es abtreiben. Cioran hatte sich, wie immer, der Verantwortung entzogen. Er nennt es im Aphorismus „ ein Verbrechen“, ein Kind zu machen, aber in Wirklichkeit war es ein Verbrechen, sich der Verantwortung zu entziehen. Ich hätte ihn zur Verantwortung gezogen – das wollte ich damit sagen. Ein Kind von ihm zu bekommen wäre für Simone  sicherlich schöner und für die Beziehung ehrlicher  gewesen, als immer nur seine Aphorismen mit der Schreibmaschine abzutippen, die ganz und gar nicht ehrlich waren.
 
Ich wünschte mir kein Kind von Cioran, ich hatte bereits einen Sohn von Günter. Unser Gespräch darüber war lustig -  und im Irrealis gehalten (Konjunktiv II: hätte), also genau so un-wirklich  wie Ciorans Aphorismen.
 
In the letter dated 10 May 1981, he wrote to you:" You know that i tried to go to Zurich in order to meet that woman who has been waiting for years our suicide together?"
Could you tell more about that?
 
Nein, und ich bezweifele, daß es wirklich ernst gemeint war – vielleicht gab es die Frau gar nicht, vielleicht wollte sie ihn damit erpressen, oder vielleicht wollte er mich damit erpressen? Wir müssen nicht alles ernst nehmen, was er sagte oder was wir sagten! Alles ist „Poesie“ – ist durch das Wort erzeugt, und  unser Wort entspricht oft nicht dem Gemeinten. Was sagt Nietzsche? „Die Dichter lügen zu viel.“
 
Do you know if Cioran used to receive letters from unknown men or women?
Was he also in correspondence with someone else except you?
 
Soviel ich weiß, war er mit vielen Männern und Frauen in brieflichem Kontakt. Aber mir scheint, er schrieb eigentlich immer das Gleiche. Mir ist nicht bekannt, daß er irgendeinem Menschen so geschrieben hat wie mir, nämlich ausnahmsweise sehr persönlich, das heißt: ehrlich! Selbst in den Cahiers geht es nie ums Private, nie um Erotik oder gar Liebe. Das ist seltsam.Deshalb sind die Briefe an mich einzigartig, sofern keine neuen auftauchen, die ähnliche Inhalte haben.
 
In the book that you published, apart from the letters of Cioran addressed to you, we also find your letters addressed to him.
Are you in the possession of the entire correspondence between you and him, or you have simply copied your letters before you sent them to him?
 
Weil Cioran mich bat, mit Schreibmaschine zu schreiben, um das Geschriebene besser lesen zu können (auch wenn man eine fremde Sprache gut beherrscht, ist es immer sehr schwierig, Handgeschriebenes zu entziffern), habe ich sofort “Durchschläge“ gemacht, also Kopien, denn ich betrachtete unsere Korrespondenz als literarisch, das heißt: allgemeingültig und sogar poetisch. So ist mein erster Brief handgeschrieben gewesen und deshalb nicht bei mir erhalten, ich habe ihn nur sinngemäß zitiert.
 
Übrigens hat er meine Originalbriefe einem Freund zum Aufbewahren gegeben, weil er sie vor Simone geheimhalten, nicht aber der Nachwelt vorenthalten wollte. Deshalb gab es nach Simones Tod keinen Grund mehr, unsere Korrespondenz nicht zu veröffentlichen, im Gegenteil.
 
In the gardens of Luxembourg in Paris (page 62 of the Romanian version) he asked you if you'd like (agree) to later administrate his works. Why do you think he asked that to you? Why did you refuse? Who is dealing now with the publishing of his books and who receives author rights?
 
Er fragte mich, weil er meine Bedeutung für ihn hervorheben wollte und um mich an ihn zu binden. Ich wehrte ab, weil ich erstens der französischen Sprache nicht perfekt gewachsen bin und zweitens keine Ahnung von den Organisationen im Verlags- und Buchgeschäft habe.
Der von Simone Boué eingesetzte Nachlaßverwalter Jannik Guillou, ehemals Gallimard-Angestellter,  hat das Copyright - im Französischen: Droit moral - beansprucht und in München (dem Wohnort der Übersetzerin, ehemaligen Cioran-Beraterin und Gallimard-Mitarbeiterin Verena von der Heyden-Rynsch, die nach Ciorans Tod bei Simone Boué Hausverbot hatte)  eine Klage gegen meinen Verlag angestrengt. Die drei sympathischen Richter, die klar  zum Ausdruck brachten,  daß sie mein Buch sehr gern gelesen haben, wiesen diese Klage zunächst als unsinnig ab, mussten dann aber ihre Unzuständigkeit  festellen und haben uns auf die nächste Instanz verwiesen, ein langwieriges Verfahren, das mein Verleger nicht bezahlen wollte. Der vorläufige Gerichtsbeschluß verbot einige Briefe, also dieganze erste deutsche Ausgabe, was in der italienischen und auch in der rumänischen Ausgabe berücksichtigt wurde.
 
Von Verena von der Heyden-Rynsch bin ich überdies am Telefon unflätig beschimpft und belästigt worden und auch meinen Verlag hat sie auf der Buchmesse nicht mit Drohungen verschont. Es hing eine unglaubliche Feindseligkeit und Bosheit über dem ganzen Verfahren.
 
Cologne, 24.06. 1981. You wrote to him:
"With you (this is how i imagine our being together) i could venture to live without illusions, therefore also without deceives."
What did you mean by that?
 
Ich meinte den Cioran, der Aphorismen schrieb, die ohne Illusion und also auch ohne Enttäuschung waren. Aber da mit Worten immer zuviel gelogen wird, habe auch ich hier gelogen, denn ich wusste ja inzwischen, wie Cioran war…
 
His letters to you have been personal (private) during more than one year, then the correspondence turned into exchange of impressions , books recommendations, of movies, of music...that means that all turned into a strong long lasting friendship.
What could you tell about his preferences: poets, philosophers, painters, composers, books, sport, food, cities...?
                             
Oh, das ist ein zu weites Feld! Wir haben uns vor allem über Musik unterhalten, wie aus den Briefen hervorgeht,  wie überhaupt alles, was Kultur angeht, aus dem Buch zu entnehmen ist. Wir waren zu sehr mit unserem Verhältnis beschäftigt und später haben wir so geredet, wie man in Familien spricht.
 
January 15, 1988, he writes to you (Page 133):
"Many thanks for your letter and for the good photos. I look more healthy than in reality. Something was broken in me and i don't know what. (not even doctors know what it is)
Maybe all the responsibility goes to the age. I always regarded aging as an embarrassment. "
August 20, 1988 (page 135):
"...unfortunately i made a discovery- i am 77 years old. This is really too much. I am a finished individual. Some new sort of fatigue rules over me.
I still read a lot but i write no more. Something was broken in me. Fortunately, i can still laugh. Most important thing survives however..."
Question: Do you think that it was then in 1988 the about time(the right moment) for Cioran to have committed suicide, thus avoiding the Alzheimer?
 
It’s difficult to judge and to determinate...  vermutlich ja, er hätte es zu diesem Zeitpunkt tun können, aber er liebte ja das Leben, im Gegensatz zu dem, was er in den Aphorismen sagte.
Ich entdecke erst jetzt, durch Deine Frage, daß er also  doch ab 77 Jahren an sein Alter dachte – vorher, wie gesagt, vor allem während der Zeit des Verliebtseins, überhaupt nicht! Mit Ende siebzig  fing auch seine Vergesslichkeit an, die Senilität, übrigens genau wie bei meinem Vater. Wir haben, wie bei Cioran, nicht gewusst, ob es Alzheimer oder „nur“ Verkalkungsprozesse im Gehirn waren.
 
When did you notice of him the first signs of Alzheimer?
 
Wie gesagt, ich merkte die Vergesslichkeit Ciorans ( es ist nicht gesagt, daß er „Alzheimer“ hatte, es kann auch eine Verkalkung gewesen sein) nach meiner Krankheit, als ich ihn im Mai oder Juni 1989 besuchte; spätestens aber im Oktober 1990, als er vergaß, wo wir uns treffen sollten: Nicht im Dôme, sondern in La Coupole; da war er schon deutlich verwirrt. Das Merkwürdige war, daß in keinem Interview, das zu dieser Zeit mit ihm gemacht wurde, davon die Rede war. Entweder hat man es aus Taktgefühl verschwiegen, oder Cioran hatte so stereotype Antworten, nämlich immer die gleichenMustersätze, daß es nicht sofort aufgefallen ist. Mir gab er einmal einen Schein mit 100DM(Deutsche Mark), als ich ihn nach etwas ganz anderem gefragt hatte. Ich machte Simone darauf aufmerksam, und  sie musste immer mehr auf ihn aufpassen.
Als er dann den Sturz hatte und die Operation, war es ganz aus. Er ist dann nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Da war es schon zu spät für den Suizid. Vielleicht hätte Simone einen Arzt suchen müssen…

In 1944  (dear Marius, you certainly mean 1994) he does not recognize you anymore. Did he recognize Simone?
 
Manchmal ja und manchmal nein – Simone war ja immer da, ein Leben lang, da ging es nicht mehr um Erkennen; sie war ja das Gewohnte.
 
"Life may not be a piece of cake. But death could have been more simple if, at some point, we decided to commit suicide. This is the point. When must we be able to do it? Cioran was not"
From whom is this sentence: A piece of cake?


Not from me. I wrote: „Das Leben kann vielleicht nicht einfach sein. Aber das Sterben hätte einfacher sein können,…“
Ich kritisiere damit natürlich auch den Staat und erst recht die Kirche, die beide verhindern, daß wir leichter und würdiger sterben können.
It sounds like a blame. Yes, but a blame of/for the society who doesn’t allow an easy and dignified dying.
 
Would you have bared more easily his loss if he committed suicide?
 
I think, this is not the right question and not the problem, because finaly I haven’t bared his loss, I had a feeling of deliverance and allviation – es war Erlösung und Erleichterung, daß er endlich starb.But it is not important, what I feel or felt.  Die Frage ist, wie und wann man den Suizid einleitet – es ist die Frage, die wir uns alle stellen müssen, denn bald ist es auch für uns soweit. Ich glaube, man muß es zu früh tun, you have to do it too early, um nicht zu spät zu sterben. Und man muß einen Arzt finden, der einem hilft. (Ich bin in der „Gesellschaft für humanes Sterben“, aber ich bin nicht sicher, ob man mir helfen wird…)
 
Bei Cioran kommt als traurige Ironie hinzu, daß er jahrzehntelang vom Suizid geschrieben und ihn gepriesen hat. Aber man sieht auch hier: Nichts verläuft im Leben so wie in den Büchern.
 
In the interview of Rodica Binder, you said that, if Simone were still living, you wouldn't have published your book.
Do you think that Cioran and you have been discreet enough so that Simone has never found out of the passionate relationship between you and him?
Or...do you think she knew about it?
Do you think that if she found out, that would have upset her? Would that discovery have spoiled the friendship between you and her?
 
Natürlich spürte und merkte sie etwas von seiner Spannung, er war ja anfangs ganz konfus und reiste Hals über Kopf nach Köln. Sie wird schon sehr erstaunt gewesen sein und auch beeunruhigt. Aber als sie mich kennenlernte, wussteund sah sie sofort, daß ich niemals ihre Beziehung zerstören würde, und sie hat mich in ihr Herz geschlossen. Ich glaube, es war ihr peinlich, daß Cioran so „kopflos“ war.  Sie wollte wahrscheinlich gar nicht alles wissen, ihr genügte es, daß sie mich kennenlernte. Aber vielleicht hat sie auch im Stillen gelitten, wer weiß?
 
Man darf nicht vergessen, daß die beiden ein altes Paar waren – da ist eine Trennung fast unmöglich, es gibt zu viele Riten und Gewohnheiten. Cioran konntesich nie entscheiden, was er auf der Speisekarte wählen sollte, und so nahm er einfach das, was Simone aussuchte. Das sagt viel über die enge Beziehung der beiden.
Simone konnte sehr sicher sein. Und eigentlich gehörte er  fest zu ihr, auch wenn er das nicht wahrhaben  wollte.
 
How, in your opinion, would have Cioran regarded your book?
What would have been his opinion about it?
 
Ich habe mir diese Frage natürlich auch  gestellt. Er hätte keinen Spaß daran gehabt, weil er ja der „Verlierer“ ist. Aber wenn es ein  Buch über zwei  ihm unbekannte Menschen gewesen wäre, hätte er es mit Interesse gelesen, da bin ich sicher.
Allerdings mögen ältere Männer solche Geschichten nicht wirklich, in denen  sie aufgrund ihres Alters zu Verlierern werden…
 
If possible, try to imagine that you have never met Cioran. How would have been your life without him? How do you see his philosophy now that you knew him? Did this enriched your life? If yes, in which way?
What has Cioran meant for you and what does he mean for you today?
 
Mein Leben war ja schon fast zur Hälfte gelebt, ich war eine Frau im Berufsleben und hatte einen zehnjährigen Sohn, einen Freund undeine großen Freundeskreis;  daran hat sich durch Cioran gar nichts geändert, das Leben wäre ganz ähnlich verlaufen ohne ihn, denn ich war in meiner Jugend bereits beinflußt worden durch den Mann, den ich später heiratete.
Die Frage müsste heißen: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich nicht Günter Schulte mit 16 Jahren kennengelernt hätte, ein künstlerisches und philosophisches Genie, auch wenn er äußerlich ein Krüppel war (er hatte mit 9 Jahren Kinderlähmung und ist seitdem schwer behindert), ein wunderbarer Mensch, der mich tief beeinflusst und geprägt hat und so gut zu mir passte, -  und den ich doch nach 10 Jahren einfach verließ. Hier liegt die Wurzel, der Akzent  für Deine Frage.
Cioran und seine Art zu denken, die ja immer schon meinem Denken entsprach (une âme-soeur, sagte er selber) spielten für mein Leben keine große Rolle – ich war ja bereits ein fertiger, denkender Mensch von weit über dreißig Jahren, als ich ihn traf –. Ich hatte vorher Gottfried Benn und Georg Trakl und Schopenhauer gelesen  und und und…. das alles war atemberaubend schön und großartig.
 
Also: Ich dachte und fühlte schon vorher genau so, wie Cioran schrieb (und leider bloß: schrieb, nicht lebte).Deshalb war es eher eine Koinzidenz, ein Aufeinandertreffen.
Dadurch,, daß ich unsere Geschichte einer unglücklichen Liebe aufgeschrieben habe, spielt Cioran eine Rolle auch in meinem heutigen Leben, denn dadurch bin ich endlich zum Schreiben gekommen und habe unsere Geschichte zu etwas gemacht, das mehr ist als eine Episode im Leben.
 
Wenn es nach Cioran gegangen wäre, hätte man wahrscheinlich nichts von seiner Liebe und von unserer Geschichte erfahren.
Ich habe letzten Endes durch das Buch etwas für mich und nicht für Cioran getan. Das nehmen mir die Leute übel.
 
Which are your favorite 10 painters and why? Has any of them marked your life? Did you ever tell Cioran about it? If yes, about who and what was his reaction?
 
Du kennst seine Reaktion auf Jean Rustin, dessen Bilder Du in der italienischen Ausgabe des Buches finden kannst. Letzten Endes, glaube ich, hatte er mehr Interesse an der Musik als an der Malerei.
Mich ergreifen Gemälde aus allen Zeiten, im 20.Jahrhundert vor allem Francis Bacon und Horst Janssen, der norddeutsche Zeichner. Im 19.Jh ist es Adolph  Menzel und C.D.Friedrich, davor Goya, Velasquez usw. Im 16.Jh natürlich Michelangelo – wer könnte an ihn heranreichen? Die Sixtinische Kapelle! wobei ich die Deckengemälde(Altes Testament und die Sibyllen und Ignudi!)) bevorzuge und nicht so sehr das Jüngste Gericht, das über 25 Jahre später entstand, nach der Plünderung Roms).
 
In Günter Schulte hatte ich mich als junges Mädchen verliebt, weil er so wunderbar malen und Klavierspielen und Skulpturen machen konnte. (Und überdies wurde er noch Doktor der Mathematik und ist Professor für Philosophie …)
 
Which are your favorite 10 composers and why? To which of them do you feel most affinity with?
 
Die  intensivste Nähe habe ich zu Franz Schubert, aber am allergrößten finde ich Mozart, ich denke an die Kammermusik und den „Figaro“. Und vorher noch: Haydn! Seine Quartette hat Mozart genau studiert und überhaupt viel von ihm gelernt.
Cioran mochte Brahms noch mehr als ich, z.B. sein Klarinettenquintett, das ich etwas enervierend finde.
Von allen berühmten Komponisten gibt es Stücke, die ich sehr liebe, sogar von Wagner: Das 3.Wesendonck-Lied , Im Treibhaus( vgl. auch 3.Akt „Tristan“, Beginn!)
Und wenn ich an Beethovens späte Streichquartette und Klaviersonaten denke… ach, wem soll man den ersten Preis geben? Unmöglich zu entscheiden.
 
Bach nenne ich erst gar nicht, der ist ja bei allen Menschen gleich beliebt und verehrt. “Jesus bleibet meine Freude“ ist vielleicht das rührendste Musikstück vor Schubert.
 
Which are your favorite 10 writers and poets? To which of them do you feel closer and why?
 
Das ist natürlich eine nationale Angelegenheit. Ich liebe vor allem deutschsprachige Literatur, weil ich sie im Original verstehen kann. Aber Shakespeare haben die Deutschen so gut übersetzt, daß er wohl der Größte auch für die Deutschen ist („We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep“ – wie wunderschön!).Im Vergleich mit ihm  wirkt Goethe manchmal langweilig, aber Goethes Werther(„Die Leiden des jungen Werthers“1774) ist genial und Schillers Balladen(„Der Handschuh“) und seine Wallenstein-Trilogie  sind ungeheuerlich, das Beste, was deutsche Sprache leisten kann; Mephisto in Goethes Faust I  hat ebenfalls geniale sprachliche und gedankliche Passagen, Goethes Gedichte sind  wunderschön („An den Mond“; „ Warum gabst du uns die tiefen Blicke“), ebenso die von Eichendorff (Es war, als hätt’der Himmel – Schumann hat’s vertont!); Kleist ist wohl der beste Erzähler des 19.Jhs (Michael Kohlhaas; Die Marquise von O…) ; Schopenhauer und Nietzsche (seine Gedichte, „Venedig“!) waren herrliche Sprachkünstler, Schopenhauer ein origineller Philosoph.
 
Der größte Roman des 20.Jh: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften; die größten Dichter:Rilke,Trakl,Benn; im 18./19.Jh. müsste man noch Hölderlin nennen, auch wenn seine Gedichte manchmal einer Psychose gleichen.
 
You have taught philosophy. To which philosophers did you find some special affinity?
 
Ich erwähnte schon Schopenhauer als Sprachkünstler und Philosophen.
Nietzsche, Dichter und verzweifelter Mensch.
Kant ist der Größte, er ist das, was Bach in der Musik darstellt, ein Fels, um den man nicht herumkommt. Mit Kant ändert sich alles, so wie mit Kopernikus die Weltsicht eine andere wurde. So auch mit Kant, aber die wenigsten bemühen sich, ihn zu verstehen. Seine Kritik der reinen Vernunft hat das Denken revolutioniert, denn er hat gezeigt, daß ich alles durch den Raster meines Verstandes sehen muß.

Man lese das, oder versuche, es zu lesen, was er über den Raum sagt!
Günter Schulte hat viele Bücher geschrieben, die ich wichtig finde, am besten vielleicht: „Die grausame Wahrheit der Bibel“ und „Neuromythen. Das Gehirn als Mind Machine und Versteck des Geistes“; aber auch die Aufsatzsammlung:“Philosophie der letzten Dinge. Liebe und Tod als Grund und Abgrund des Denkens“
 
You are writing a new book. What is it about?
 
In “Meine Großmutter, Francis Bacon und ich” erzählt die Großmutter ihrer Enkelin beim Wein auf einer römischen Terrasse am Abend, wie sie durch den Philosophen C. den schwulen  Maler Francis Bacon im „Train bleu“, dem Belle-Epoque-Restaurant des Gare de Lyon  in Paris kennenlernte, einen Tag, nachdem  sich dessen Freund George Dyer auf der Toilette des Hotels in der Rue des Saints-Pères das Leben genommen hatte.
Die Geschichte basiert nicht auf der Realität und nimmt doch die realen Stationen aus Bacons Leben dokumentarisch auf.
 
Your book "Pour rien au monde" is an incredible book based on sheer reality, it was written with great talent and taste and, at the same time, it represents a historic document about one of world's greatest thinkers who ever lived. Moreover, your book allows the world to know Cioran as a man, as a human, thus very differently than his writings revealed.
However, your book has been opposed resistance and was censored. Who, in your opinion, did not agree with the publishing of your book and why?
 
Alle Leute, die meinen, daß das Privatleben mit dem Werk eines Künstlers nichts zu tun hat, werden ein solches Buch nicht wollen und nicht mögen. Ebenso alle Leute, die meinen, Cioran sei ein Guru für die Vermittlung bestimmter Lebensauffassungen. Sie meinen, ich gehe mit seinem Werk nicht respektvoll genug um. Ich halte übrigens sein Werk weniger für eine Philosophie als vielmehr für glänzende Poesie mit philosophischen Gedankensplittern; er gibt kein System und ist leicht zu lesen.
 
Ich habe aber gemerkt, daß ich beim Vorlesen des Buches auch von diesen ablehnenden Menschen einige „bekehren“ kann – das Vorlesen scheint ein Gefühl zu beleben, das sie sonst nicht haben oder versteckt halten. Sie bemerken plötzlich die Ironie oder Komik einer Situation oder gar den Charme, der in einem Gespräch entstehen kann –  durch den  Tonfall beim Vorlesen.
 
Außerdem macht man mir zum Vorwurf, - und ich wundere mich, daß dieser Aspekt hier nicht als Frage aufgetaucht ist –  daß ich Cioran erst gelockt und gereizt hätte und dann doch nicht mit ihm ins Bett gegangen sei, so daß unsere Beziehung „platonisch“ geblieben wäre. Ich bin aber mit ihm ins Bett gegangen, und ich nehme es als Zeichen meiner Diskretion, daß das  nur wenige Leser registriert haben, obwohl es jedem, der lesen kann, schon allein aus Ciorans Briefen  einleuchten  müsste.
 
Your book was recently published in Italy. It is a very beautiful version!
How did Italian readers receive your book?
 
Das Buch ist im Mai erschienen, und seitdem habe ich persönlich eine einzige Zuschrift aus Neapel von einem Philosophen und Dichter bekommen. Er ist begeistert, und wir korrespondieren auf Italienisch miteinander, so gut es geht. In facebook und bei youtube gibt es   auch einige positive Reaktionen.  Meine italienischen Verleger erzählen von guten Rezensionen in  allen möglichen Zeitungen. Warten wir ab…
 
If a film director of today would decide to make a movie based on your book, whom would you recommend to him for the role of Cioran, whom as Friedgard Thoma, whom as Simone Boue?
 
Wir haben darüber früher schon nachgedacht: Ich würde für meine Rolle die leider verstorbene Marie Trintignant gewählt haben und als Cioran … tja, ich weiß nicht, einen älteren Mann, klein, dünn, mit dichtem grauen Haar und dichten Augenbrauen, etwas nervös, fahrig…vielleicht Max von Sydow – aber der ist, glaube ich, auch schon zu alt?
Und als Simone? Vielleicht mich, heute?

Cioran also very much enjoyed the company of Mr. Günter (ich würde den Vornamen hinzufügen) Schulte ( your former husband) whom he obviously liked. They had discussions and fun together. Whom, in your opinion, would be most appropriate for the role of Mr. Schulte?

Sehr schwierig, weil Günter Schulte durch seine frühe Kinderlähmung(Polio) einen gekrümmten Rücken haben muß. Gérard Depardieu in jüngeren Jahren wäre ein guter Typ gewesen. Eine Art Toulouse-Lautrec?Günter war früher im Gesicht ein Typ wie Jean-Louis Trintignant, der Vater von Marie. Na, das überlegen wir später…. Ich glaube, man könnte einen wunderbaren Film mit vielen – herbstlichen – Zwischentönen daraus machen.
 
If just supposed (by absurd) that all the masterpieces ever created in art were to be destroyed and you were given the privilege to  save for humankind 5 paintings, 5 books, 5 poems and 5 music works, which would be those masterpieces you saved from each category?
 
Friedgard Thoma's answer:

Gemälde:


[Velasquez is too great(large, big)]
Nein, nicht die Mona Lisa, aber eine Zeichnung von Michelangelo, ein Selbstbildnis, oder die Farb-Kopie der Gewölbe der Sixtinischen Kapellendecke; einen Rembrandt vielleicht oder von Rubens eine Rötelzeichnung und auf jeden Fall eine Radierung von Dürer, Melencolia I ; Altdorfer „Alexanderschlacht“, Tizian „Karl V.“(beide hängen in München); Caspar David Friedrich „Das Eismeer“ („Gescheiterte Hoffnung“); Adolph Menzel „Das Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ ( wegen der Spiegelung des Kristall-Lüsters); …oder…oder?

Bücher:
 
Die Leiden des jungen Werthers (Goethe)
 
Schiller, Wallenstein (Die Piccolomini und Wallensteins Tod)
 
Kleist, Michael Kohlhaas
 
Flaubert, Madame Bovary,
 
Joseph Roth, Radetzkymarsch
 
Gedichte:
 
Goethe, Prometheus
 
Schiller, Der Handschuh
 
Hölderlin, Hälfte des Lebens
 
Trakl, Grodek
 
Benn, Nur zwei Dinge
 
Musik:
 
Bach, Jesus bleibet meine Freude (Dinu Lipatti)
 
Haydn, Klaviersonate g-moll (S.Richter)
 
Mozart, Streichquintett g-moll KV 516
 
Schubert, Streichquintett C-Dur
 
Wagner, Die Walküre
 

Chattoir Interview with Dana Tudor "My curiosity, enthusiasm and passion to discover people’s talents as resources pushed me every day to really look and listen to the person in front of me in order to discover his / her inner treasures" Dana Tudor Read more
Chattoir Interview with Costantino Catena "Certainly it is impossible to be indifferent before or during a performance, as it is impossible to completely detach yourself from the emotions. By being able to channel emotions in the right way, one enriches a performance and makes it an ever-unique event linked to that particular emotional and Read more
Chattoir Interview with Horacio Parravicini "Every human being owns a beautiful voice. The advice is to be loyal to yourself. We can add platinum crowns, emeralds, etc, but don't be confused, as the name indicates, this is an instrument to communicate through music, and you are the musician, the artist." Horacio Parravicini Read more
Chattoir Interview with Ludwig Böhm "My interest in Theobald Böhm was raised in 1981, when a great exhibition was organized in the Munich Municipal Museum in commemoration of the 100th anniversary of his death and when the director of the museum asked me many questions about Theobald, which I couldn’t answer. I only knew that Read more
Chattoir Interview with Ivajla Kirova "I think I am a strong-willed and honest person - I always say what I think, whether people like it or not. I always go my own way and not the one that people want me to." Ivajla Kirova Read more
Chattoir Interview with Rogier de Pijper "For me music is a way to express myself. It is a language that says much more than all the words of the world all together. After a concert people often come to me and tell me they liked the concert. If they have a smile on their face I’m happy, if they also have twinkles in their eyes I truly Read more
Chattoir Interview with Mirela Paduraru "I love to see people happy and content with themselves. I like to teach them how to look into the mirror with joy, how to get healthier and look young for longer time." (Mirela Paduraru) Read more
Chattoir Interview with Luiza Cala (Romanian) "Locul meu de taină este la mine în gând. Este un loc mirific în care mă împodobesc cu puteri nelimitate." Luiza Cala Read more
Interview with Composer Marius Herea "A composer has the responsibility to renew the styles and bring novelty to the world" Marius Herea Read more